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November 18


4. Liebe Leserinnen und Leser meiner Tagebucheinträge

Zuerst die Mitteilung, dass es mir immer noch sehr gut geht. Auch nach 17 Jahren ALS auf dem Buckel. Trotz all den Einschränkungen, welche diese Krankheit mit sich bringt, liebe und geniesse ich mein Leben nach wie vor.

Vor etwas mehr als 9 Jahren habe ich angefangen, meine Homepage aufzubauen. Der Grund, meine ALS-Erkrankung. Ich wollte dieser Krankheit ein Gesicht geben, mein Gesicht. Seither habe ich in Tagebuchform über meinen Alltag mit der Krankheit ALS berichtet.

In letzter Zeit viel es mir immer schwerer, Beiträge zu verfassen. Einerseits bereitet mir das Schreiben auf dem PC immer mehr Mühe und andererseits haben mir Ereignisse in diesem Jahr, sehr zugesetzt.

Ich musste in der letzten Zeit viele langjährige ALS-Freunde ziehen lassen. Wir waren eine richtig gute Gruppe.

Ich habe mich immer gerne für ALS-Betroffene und ihre Angehörigen eingesetzt. Warum, weil ich ihre Verzweiflung, ihre Ängste spüre. Ich fühle mit ihnen, sie sind wie ich.

Es hat mich immer mehr frustriert, sie nicht besser unterstützen zu können. Ich bin müde geworden, auf taube Ohren zu treffen. Die Mühlen zur Verbesserung der Lebensqualität von ALS-Betroffenen laufen viel zu langsam.

ALS-Betroffene und ihr Umfeld brauchen Personen, die voller Zuversicht voranschreiten und das gelingt mir nicht mehr so recht.

Ich möchte mich etwas aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Was auch bedeutet, meine Homepage auf Ende Jahr zu schliessen.

Aber, so wie ich mich kenne, werde ich sicher wieder etwas von mir hören lassen. Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Vorerst noch hier und weiterhin auf FB.

Ich danke euch für all die vielen liebenswerten und positiven Feedbacks, welche ihr mir auf irgendeine Weise in all den Jahren, zukommen lassen habt.

Eure euch liebende Rita


7. Wie könnte ich anders als mich über die Sonne zu freuen, die mir heute wieder einen warmen Herbsttag gebracht hat. Der Nebel, der die Sicht zu den Bergen trübte und der Föhn, der die Blätter tanzen lies, haben sich verabschiedet. Zurück bleiben wunderschön bunte Blätterhaufen. Interessant, so einen Haufen näher zu betrachten. So unterschiedlich die Formen der Blätter sind, so auch ihre Farben sind. Ich entdecke in den Haufen auch Blätter, die meinem Garten fremd sind. Sie liegen entspannt in den Haufen. Das nennt sich wohl Integration.

8. Bilder vom Sonntagsausflug
Wie wunderschön doch "unsere" Natur auf Erden ist. Ich schaue und staune. 

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Herbstwald

Sommerabschied Farbentraum,
Augenweide jeder Baum.
Herbstfarben leuchten bunt im Sonnenschein
und die letzten Sonnentage leiten sanft den Winter ein.
Der Wind noch mild, wird langsam kalt, Wintertage kommen bald.

„Mit freundlicher Genehmigung der Autorin“ © Elvira Christina Westphal

15. Nun ist wieder die Jahreszeit, in der ich es etwas ruhiger nehme. Die Sonnenstrahlen sind nicht mehr so warm und können mich nicht mehr jeden Tag aus dem Haus locken. Seit meiner ALS-Erkrankung habe ich schnell kalt. Also muss ich mich in den Kältemonaten dick anziehen. Das mag ich gar nicht. Ich fühl mich dabei so eingeengt, so unfrei. So bleibe ich lieber in der warmen Stube. Der Schein der brennenden Kerzen vermitteln mir die Wärme von Sonnestrahlen. Ich bemerke jedoch bereits den Sonnenentzug. Ich bin müder als sonst und schlafe mehr. Nun habe ich wieder mit der Einnahme von Vitamin D3 Tropfen begonnen. Ausserdem habe ich letzte Woche auch wieder die Grippeimpfung gemacht. So hoffe ich, komme ich gut durch den Winter.
Nun, da ich nicht mehr hinter jedem Sonnenstrahl nachfahre, habe ich wieder mehr Zeit für andere Dinge. So z.B. für Besuche. Heute hatte ich gleich zweimal Besuch und für Morgen hat sich auch schon Besuch angemeldet. Ich mag es, liebe Menschen um mich zu haben. Das kommt vielleicht daher, dass ich in einer Grossfamilie aufwachsen durfte. Die meisten meiner 8 Geschwister (4 Schwestern + 4 Brüder) wohnen bei mir in der Nähe. Auch mein Mann kennt das Leben in einer Grossfamilie. Auch er hat 8 Geschwister (6 Schwestern + 2 Brüder). Die meisten leben heute in der Ostschweiz. Da bieten Familienfeste, wie vor zwei Wochen, eine gute Gelegenheit, mal wieder alle zu sehen. 


Am 80. Geburtstag von Piets Schwester wurde natürlich auch wieder rege fotografiert.

So wurde auch meine kleine Familie abgelichtet. Mein Mann Piet, mein Sohn Peter und ich.

Wie gesagt, ich mag es, mich unter Menschen zu bewegen. Doch zwischendurch brauche ich auch die Stille, die Einsamkeit. Zeit für mich ganz allein. 

16. Wenn ich am PC sitze läuft immer Musik im ......... nein eben nicht im Hintergrund, sondern im Vordergrund. Der Lautstärkenregler steht bei mir schon recht weit oben. So höre ich weder die Hausglocke, noch das Öffnen der Türe. Umso mehr erschrecke ich, wenn plötzlich Jemand im Zimmer steht. Dann rufe ich erstmal aus. "Gades diär eigentlich nu, mich so z'verchlipfä". / Geht es dir eigentlich noch, mich so zu erschrecken. Mein Mann macht sich zwischendurch mit Lichtzeichen bemerkbar, indem er Licht ein und ausschaltet. Ja, das Leben mit mir ist eine Herausforderung.
Halte ich mich hingegen im Freien auf, gibt es für mich nichts schöneres, als der Musik der Natur zu lauschen. In unterschiedlichen Tonlagen, Lautstärken und Tempis singen Vögel Lieder. Je nach Bewegung in der Luft, rauscht es in den Bäumen oder es raschelt im Unterholz. Es sind so viele Laute in der Natur. Es lohnt sich, einfach mal still zu sein und sich auf die Musik der Natur zu konzentrieren.

17. Jetzt muss ich euch, zum gestrigen Thema Musiklautstärke, schnell was berichten. Ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich dies vor Augen habe.
Damit es mein Mann am Samstagmorgen gemütlich nehmen kann, kommt bei mir die Spitex für die Pflege vorbei. Demzufolge stehe ich auch früher auf und vertreibe mir die Zeit am PC. Und ja natürlich mit Musik in meiner gewohnten Lautstärke. Plötzlich bemerke ich an der Türzarge, wie sich ein Arm langsam ins Zimmer vorarbeitet. Dann erscheint mein Mann im Ganzen. Mit den Fingern zeigt er zuerst zum geöffneten Mund und danach umkreisen sich die beiden Arme. Natürlich habe ich verstanden und nicke ihm lachend zu. Wer hätte keine Freude, wenn der Mann Gipfeli holen geht. Aber warum Zeichensprache. War mein Sound etwa wieder mal zu laut?

18. Wir sind etwas Wunderbares, das unsere Erde hervorgebracht hat. Ich bin so dankbar, auf dieser Erde leben zu dürfen. 



20. Liebe Brige, ich wünsche dir, dass deine Reise zum Ort des Friedens wunderschön sein wird.
Brige hat dem Leben, trotz der Krankheit ALS, noch so viel Schönes abgewinnen können. Sie hatte viele Flausen im Kopf. Wenn wir uns trafen, blieben unsere Augen nie lange trocken. Wir haben so oft zusammen gelacht.
Ich werde dich vermissen liebe Freundin.



Wenn auch die Menschen sterblich sind, die ich liebe, es ist doch das Unsterbliche, was ich an Ihnen vor allem liebte.
Franz von Sales 1567-1622

23. Und immer wieder stehe ich auf und mache weiter.

24. Mit grossen Schritten gehen wir auf Weihnachten zu. Die Nachbarshäuser sind bereits festlich geschmückt. Doch bei mir lässt die Freude auf das Lichtermeer auf sich warten.
Früher, als ich im Verkauf tätig war, musste ich mich schon im Frühling mit Weihnachten beschäftigen. Bei der Frühlingspräsentation wurde uns in der Zentrale, die jeweiligen Weihnachtsthemen und das entsprechende Warensortiment vorgestellt. Im September wurde die Ware an die Warenhäuser ausgeliefert. Ich kann mich noch gut an die vollgestellte Annahme und die vollgestopften Lager erinnern. Jede noch so kleine Ecke war ausgefüllt. Besser wurde es um den 10. Oktober. Da wurde mit dem Papeterie-Weihnachtsaufbau auf der Verkaufsfläche begonnen. «Gschänkpapier, Gschänkschachtlä und Schächtäli, Gschänkbändäli i unterschiedlichä Breitänä und unterschiedlichä Farbä». Papeterie- und Wohnaccesoires in Geschenkverpackung, wurden gekonnt arrangiert, um Kunden zum Kauf zu animieren.
Eine Woche später, an einem Sonntag, wurde dann der Baumschmuck aufgezogen. Das war die Promotion des Jahres, welche mir am meisten Freude bereitet hat. «Chugäli, Stärnli, Cherzli, Lämpli, Latärnli, Chripä und Chrippäfigürä. Am Abend haben wir jeweills alle irgendwie gefunkelt. Sei es vom Glimmer, welchen wir von der Ware abbekommen haben, oder von der Vorfreude auf Weihnachten.
Das war jedoch noch nicht der vollständige Aufbau. Als Abteilungsleiterin trug ich die Verantwortung über viele unterschiedliche Rayons. So kamen mit den Damen- Herren- Kinder- Baby- Lingerie- Accessoires- Reise- Papeterie- Bijouterie- Parfümerie Rayons, jeweils noch weitere Aufbauten hinzu. Während sich die Lingerie mit verführerischer Unterwäsche präsentierte, versuchte die Parfümerie die Kundschaft mit Schwämmchen, Cremchen und Wässerchen zu betören.
Ich habe diese Zeit geliebt. Ich habe das Arbeiten geliebt.
Vielleicht kommt bei mir in ein, zwei Wochen doch noch Weihnachtsstimmung auf.
Piet hat nun heute auch bei uns die Aussendekoration installiert. Wenn sie dann am 1. Advent eingeschaltet wird, wird es mir vielleicht doch noch warm ums Herz.

25. In der Schweiz ist heute wieder ein Abstimmungssonntag. Unteranderem wird darüber abgestimmt, ob Versicherungen Spione einsetzen dürfen, um Bezüger von Versicherungsleistungen zu observieren, ob diese Leistung, z.B. Invaliden-Renten, zu unrecht beziehen. Klar muss Versicherungsbetrug aufgedeckt werden. Jedoch nicht auf die Weise, wie es im Abstimmungsbüchlein steht.
Inzwischen dürften die Abstimmungslokale geschlossen sein. Ich bin sehr gespannt auf das Abstimmungsresultat, welches am späteren Nachmittag zu erwarten ist.
Ich bin sehr froh, dass in «unserem» Land, die Bürger über solche Entscheidungen abstimmen und somit bestimmen können.
Nun warte ich gespannt auf zwei Abstimmungsresultate, welche mir sehr am Herzen liegen.

Das Schweizervolk hat sich für die Versicherungsspione entschieden. Es ist ein demokratisch gefällter Entscheid, den ich akzeptieren muss. Ich bin nun gespannt, wie lange es dauert, bis auch die Krankenkassen ihre Spione einsetzen werden. Wir bleiben auf jedenfall dran und BEOBACHTEN!

​26. Wie es aussieht, wenn anstelle der Blätter, Schnee die Äste ziert, sehen wir vielleicht schon Morgen.
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27. Der Schnee hat sich in der vergangenen Nacht weit ins Tal vorgearbeitet. Die Bäume im Tal tragen aber noch immer einige Fetzen ihres wunderschönen Herbstkleides. Ich selbst spüre den Winter nahen. Trotz der Einnahme der Vitamin D 3 Tropfen hinterlässt der Sonnenentzug, spuren. Ich bin mitunter derart müde, dass ich gleich im Rollstuhl einschlafen könnte. Was ich gestern und heute auch gemacht habe. Ich bin es eigentlich nicht gewohnt, unter Tag zu schlafen. Ich brauche dieses Jahr wohl etwas länger, mich mit dem Winter einzulassen. Ich weiss, wenn die ersten Schneeflocken vor meinem Fenster auftauchen, kommt auch bei mir Winterfreude auf.

30. Heute In Gedanken bei all meinen lieben verstorbenen ALS-Freunden und ihren lieben Angehörigen.



Ihr seid in meinem Herzen.
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