MAI
2. Seit 19 Jahren ist die ALS mein ständiger Lebensbegleiter. Ich habe Glück, dass es mein Begleiter nicht so eilig hat und mir Zeit lässt, SEIN Ziel zu erreichen. Wahrscheinlich werde ich mich sabbernd über die Ziellinie ziehen lassen. Freiwillig überschreite ich sie sicher nicht, eher kracksle ich retour.
Die Länge der Absolvierten Strecke meines ALS Weges kann sich sehen lassen. Dabei schritt und rollte ich auf unterschiedlichen Etappen. Einige konnte ich gut selbst meistern, bei andern benötigte ich die Hilfe von aussen.
Die meiste Unterstützung seit meiner Erkrankung erhalte ich von meiner Familie.
Früh trat ich der Muskelgesellschaft bei. Sie war damals die Organisation, welche ALS- Betroffene und Angehörige durch die Krankheit begleitete. Zwecks Rilutek Studie kam ich mit der ALS-Clinic in St.Gallen in Kontakt. Ich weiss noch gut, wie sie mit 2,3 Hinterzimmer im Kantonsspital St.Gallen angefangen haben. Ich habe ebenfalls die Gründung vom Verein ALS Schweiz mitverfolgt und bin auch hier beigetreten. Viele Jahre durfte ich von all diesen Organisation profitieren und habe nötige Unterstützung erhalten.
Auf meinem bisherigen Weg begegnete ich immer wieder Menschen, welche den gleichen Weg hatten. Gemeinsam gingen wir einen Teils des Weges, um uns dann an einer Wegbiegung zu verabschieden. Ja, ich hatte und habe viele Wegbegleiter. Ich kenne dadurch viele Leidensgeschichten. Ich höre zu und erfahre wo der Schuh drückt.
In meinen Augen wurde in den letzten Jahren zu wenig auf die Bedürfnisse von ALS- Betroffenen, Angehörigen und Pflegenden eingegangen. Der Ausbau von nötigen Dienstleistungen geht nur schleppend voran und innovative Projekte finden kaum Unterstützung.
Ich möchte mithelfen, dass ALS- Betroffene, Angehörige und im ALS-Umfeld tätige Personen rascher zu den auf sie zugeschnittene Informationen und Dienstleistungen gelangen.
Ich habe mich vor längerer Zeit mit langjähren Weggefährten aus dem ALS-Umfeld zusammengesetzt, um zu schauen, wie wir mithelfen könnten, ALS- Betroffene und ihr Umfeld zusätzlich zu unterstützen.
Wir haben uns nun dazu entschlossen, unter dem bereits bestehenden Namen ALS-Community-Schweiz einen Verein zu gründen, welche als Vernetzungsplattform für ALS- Betroffene und Angehörige mit Fachpersonen und Fachorganisationen dienen soll. Die ALS-Community-Schweiz setzt sich zudem für Einzelschicksale ein. Sie unterstützt innovative Projekte und investiert unteranderem im Bereich Pflegeforschung.
Wir stehen kurz vor der Vereinsgründung und ich freue mich, ein Teil dieses innovativen Vereins sein zu dürfen. Wenn auch du Teil von ALS-Community-Schweiz sein willst oder du den zukünftigen Verein in anderer Form unterstützen willst, kannst du uns unter info@als-community-schweiz.ch kontaktieren. Website: ALS-Community-Schweiz

8. Mal wieder etwas aus der coronafreien Zone.


Ich liebe die Aussicht von unserem Balkon. Der Blick in die Berge und den Garten, ist an Sonnentagen wie heute einfach fantastisch.

Ich habe das Glück, dass der Garten von unserem Sohnemann an unser Grundstück grenzt. So nutzen und unterhalten wir unsere Gärten gemeinsam.

Ich habe so auch einen grösseren Bewegungsfreiraum. Dies kommt mir besonders jetzt in der Corona-Abschottung zugute.
Für mich ein Paradies.
10. Es ist mir sehr bewusst, dass es viele Menschen nicht so gut haben wie ich. Ich konnte mir im Laufe meiner ALS-Erkrankung ein gut funktionierendes Netz zu meiner Unterstützung aufbauen. ............................... Sorry, konnte nicht weiterschreiben, wurde von meinem Mann entführt.
Ich bin weder reich an Geld oder Wertsachen, noch wohne ich in einer Villa mit Swimmingpool und Parkanlage. Ich wohne in einem über hundertjährigen Haus, welches wiedermal eine Innenrenovation vertragen könnte. Meine weiteste Reise führte mit dem Auto an die Cote d'Azur. Mit dem Flieger war ich ein einziges Mal unterwegs, und zwar ging die Reise nach Rom. Mein Reichtum besteht darin, Menschen um mich zu haben, die mich in allem Unterstützen, was ich alleine nicht schaffe. Dadurch kann ich Zuhause ein selbstbestimmtes Leben führen und muss meine verbleibende Zeit nicht in einem Alters- und Pflegeheim verbringen. Ich bin nicht bereit, mir aus organisatorischen Gründen vorschreiben zu lassen, wann ich am Morgen aufzustehen habe, wann ich die Mahlzeiten einnehmen muss usw. Ich mag nicht immer aufs Neue erklären müssen, wie meine anspruchsvolle Pflege von statten gehen muss. Wie könnte ich auch, bei meiner undeutlichen Stimme. Bei der Pflege ist es schwierig mit dem Kommunikationsgerät zu hantieren. Gut, wenn hierfür ein detaillierter Pflegeablaufplan und eine Buchstabentafel zur Verfügung steht. Für eine angepasste Lagerung können Fotos eine Unterstützung sein. Wenn die Pflege- und Unterstützungspersonen aus einem konstanten Team besteht, ist das wahrscheinlich am hilfreichsten. Mit der Unterstützung von meinem Mann (er hat hierfür seine Erwerbstätigkeit auf Eis gelegt) von meinem Sohn und der Unterstützung von Assistenzpersonen, kann ich ein selbstbestimmtes Leben führen. Ich würde mir ein selbstbestimmtes Leben für alle Menschen wünschen. Leider kommt es im Verlauf einer ALS-Erkrankung vor, dass die Pflege- und Medizinische Unterstützung so komplex wird, dass ein Heimeintritt unausweichbar wird. Zuhause ist eine profesionelle 24-Stunden Unterstützung ohne Angehörige, schwer abzudecken. Trotzdem ist eine Pflege- und Unterstützung Zuhause oft günstiger als im Heim. Das Problem liegt bei den Verordnungen über die Finanzierung. Der Wechsel von der Objektfinanzierung zur Subjektfinanzierung würde ein selbstbestimmtes Leben fördern.

​​​​​​​14. Obwohl ich einen wunderschönen Garten habe und mittlerweile auch wieder zwei, drei Ausflüge im Auto unternehmen durfte, vermisse ich doch einiges. Ich möchte endlich wieder raus auf die Strasse, möchte meine Rollirunden drehen, mich mit der Familie und Freunden treffen, mich durch Geschäfte wühlen, in einer Gelateria einkehren und mich durch die Glacesorten arbeiten, mich einfach wieder freier fühlen. Trotzdem darf ich nicht jammern, es geht andern nicht besser. Ich denke an meine ALS Freunde in den Pflegeheimen. Aber dazu komme ich morgen.

15. Auch wenn es schon spät ist, so will ich wie versprochen, heute weiterschreiben.
Wie schon oben geschrieben, ist ein Heimeintritt für ALS-Betroffene manchmal unumgänglich. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn die medizinische und pflegerische Unterstützung Zuhause nicht gewährleistet werden kann. So ist es für alle Betroffenen schwierig, die benötigten Unterstützungsstunden abzudecken. Oft funktioniert ein Leben Zuhause nur, wenn Angehörige einen Teil der Unterstützung übernehmen. Für Personen, welche die ALS Diagnose im AHV Alter erhalten, ist ein selbstbestimmtes Leben besonders schwierig. Sie haben im Gegensatz zu den im erwerbsfähigen Alter befindenden Betroffenen, kein Anrecht auf ein Assistenz-Budget der IV. Sie erhalten somit auch kein Geld, um Assistenz-Personen anzustellen und zu entlohnen. 
Ich habe immer wieder Kontakt mit ALS-Betroffenen, die mit der Unterstützung in Pflegeheimen nur schwer klarkommen. Bedingt durch das stete Fortschreiten der Krankheit, wird der Unterstützungsbedarf immer umfänglicher und Zeitintensiver. Durch die knappen Pflegekraft-Resoursen und das fehlendes Fachwissen über die Ansprüche von ALS-Betroffenen, ist eine optimale Unterstützung nicht einfach zu bewerkstelligen. Daher ist es zwingend, dass ein Pflegeheimeintritt von kompetenten ALS Pflegefachpersonen begleitet und unterstützt wird.
Es gibt immer wieder traurige Geschichten. Besonders jetzt während der Coronozeit, sind viele einsam und hilflos. Durch die eingeschränkten Besucherrechte, fehlen wichtige Bezugs- und Unterstützungspersonen. So verzögern sich auch wichtige Abklärungen sowie Hilfsmittel-Anpassungen.
Es kommt aber auch mal vor, dass ALS-Betroffene nach einer gewissen Zeit das Pflegeheim wieder verlassen, um Zuhause wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ich darf gerade einen solchen Wechsel am Rande mitverfolgen. Ich hoffe so sehr, dass es Zuhause funktionieren wird  und die Lebensfreude zurückkehren wird.

20. Heute nehme ich mir frei und fahre über den Gotthardpass.
Hier einige Impressionen 
Aus einer Passfahrt wurden zwei und aus zwei wurden drei. Ich liebe diese Passfahrten, vorallem wenn wir wie heute oben ohne fahren können. Während im Tessin das Thermometer auf 29 Grad stieg, war es auf den Pässen angenehm frisch. Natürlich durfte auch heute der Picknickkorb nicht fehlen. Es war wiedermal wunderschön in den Bergen.

29. Die Tage sind im Eiltempo unterwegs und manchmal komme ich kaum dazu, hier über mein Leben zu berichten. Wenn ich am PC sitze kommen zuerst andere Dinge zum zug. So auch der Austausch mit ALS- Betroffenen, Angehörigen und dem ALS-Umfeld. Wegen Covid-19 findet der Austausch zurzeit nur schriftlich statt. Je nach Beeinträchtigung, ist diese Art der Kommunikation, nicht für alle gleich einfach. Bei vielen ALS- Betroffenen stehen dringende Abklärungen an, welche wegen der momentanen Regeln zurückgestellt werden mussten. Langsam finden wir wieder in unseren Alltag retour.  Wir ALS- Betroffene gehören zur Risikogruppe von Covid-19 und müssen bei all den Lockerungen nach wie vor sehr vorsichtig sein. Ich lockere meine selbstgewählte Isolation, ebenfalls. Nach nunmehr zweieinhalb Monaten nehmen meine Assistenten nächste Woche ihre Arbeit wieder auf. Ab Mitte Juni bekomme ich auch wieder Physiotherapie. Ins Wasser kann ich leider noch nicht. Ich freue mich jedoch auf jedes noch so kleine Stück Freiheit, welches ich zurückbekomme.
Ich werde die gemeinsame Isolationszeit mit meinem Mann sicher etwas vermissen. Hatten wir doch eine wunderschöne Zeit zusammen. Doch jetzt gönne ich meinem Mann auch wieder mehr Zeit für sich und seine Projekte.

​​​​​​​30. Eigentlich sind mein Mann und ich bereits im Mai, zwei- dreimal aus unserer Isolation Zuhause  ausgebrochen. So fuhren wir wie heute auch, über die geöffneten Alpenpässe. Natürlich sind wir nirgends eingekehrt. Der Picknickkorb und die Kanne Urnerkaffee reichte völlig. Wir haben peinlichst darauf geachtet mit niemand anderem in Kontakt zu kommen. Ging immer gut, bis wir in eine Polizeikontrolle kamen. Das heisst; Fenster runter, Ausweis und Fahrzeugpapiere dem direkt vor dem geöffneten Fenster stehenden Polizisten übergeben, alles i.o., Papiere werden deshalb wieder retour gegeben, wir dürfen weiterfahren. Ein mulmiges Gefühl hatten wir trotzdem. Der Polizist trug weder einen Mundschutz noch Handschuhe. Wer weiss, wie viele Ausweise er bereits in der Hand hatte.
Ich habe mich gestern auch auf eine Rollirunde durchs Dorf gewagt. Ich freu mich so sehr, bald wieder weitere Strecken unter die Räder nehmen zu dürfen und meine bunten Masken auszuführen. Freiheit ist so wertvoll, so etwas Kostbares, passen wir auf sie auf.
JUNI
​​​​​​​5. So, der Name des neuen Monat ist schon mal geschrieben.....
..... und Bilder von einigen unserer Gartenbewohner habe ich euch ebenfalls hochgeladen.
Der Findling in unserem Rasen wird gerne von Tieren zum herum krakseln und Sonne tanken benutzt. Oft dient er auch als Rückzugsort für unsere tierischen Gartenbewohner. So auch diese Woche, als eine meiner Assistentinnen und eine Blindschleiche aufeinandertreffen. Ich weiss nicht, wer von den Beiden sich mehr erschrak. Ich glaube, am liebsten hätten sich wohl Beide unter dem Findling versteckt. Ich kann in solchen Momenten niemandem helfen. Ich habe genug zu tun, mein Lachen unter Kontrolle zu bringen. 

6. Ja, mein Lachen ist manchmal kaum zu bändigen. Meine Gedanken gehen mit Vorkommnissen oder dem Gesagten auf Reisen. Manchmal muss ich so lachen, dass sich meine Augen mit Tränen füllen und überlaufen. Da die Nase nicht hintenanstehen möchte, legt sie auch gleich los und fängt an zu laufen. Das Ganze führt dann zu einer Schleimbildung im Rachenraum, was wiederum zu Brechreiz oder Atemnot führt. Da nützt es auch nichts, wenn mir gesagt wird, ich solle mich beruhigen. Ich muss mich dann schon selbst aus der Situation entfernen. Besonders schwierig wird es, wenn der Lachanfall mitten bei einem Transfer eintritt. Wie oft musste mich mein Mann schon stützen, als ich an der Wand stand. Wieso muss er mich auch immer so zum Lachen bringen. Ich habe wohl immer schon viel gelacht. Durch die Pseudobulbäre Affektstörung (PBA) der ALS, wird dies einfach noch verstärkt. Starkes Weinen gehört ebenso zu einer Affektstörung. Kommt bei mir allerdings sehr selten vor. Vielleicht wären Tränen weniger peinlich als das Lachen. Aber, was soll's, ändern kann ich es ohnehin nicht. Ausserdem soll lachen ja gesund sein. Also lache mit. 

7. Seit dieser Woche werde ich wieder vom ganzen Assistenz-Team unterstützt. Ich bin froh, hat sich mein Gesundheitszustand in den vergangenen drei Monaten kaum verändert. So lief die Wiederaufnahme der Arbeit meiner Assistentinnen reibungslos ab. Mit den Anpassungen an meinem Rollstuhl, welche durch meinen Mann vorgenommen wurden, mussten sie sich jedoch zuerst zurechtfinden. Langsam kommt auch bei uns die Normalität näher. So konnte auch unser Sohn endlich mal wieder an unserem Mittagstisch platznehmen. Jetzt freue ich mich auf nächste Woche. Ich will nach langer Zeit, zusammen mit einer Assistentin einkaufen "gehen". Blumen- und Gemüsesetzlinge gehören natürlich ebenfalls zum Einkauf. Mit Mund- Nasenschutz sollte ich hoffentlich genug gegen das Corona-Virus geschützt sein. Ich befürchte, er Einkauf wird sich garantiert in die Länge ziehen und die Einkaufstaschen schwer sein. Ich freu mich.

9. Seit Tagen hängen die Wolken tief in die Täler und lassen kaum einen Sonnenstrahl durch. Immer wieder entleeren sich die Wolken und lassen die Natur vom kostbaren Nass trinken. Wenn die Wolken mal einen Blick in die Berge zulassen, kann ich sehen, wie die Bergspitzen wieder weiss tragen.  Diese Tatsache rechtfertig auch das Tragen von Winterpullis im Juni. Es ist merklich kühler geworden und ich bin froh, hat mein Mann mir zu liebe die Heizung nochmals hochgefahren. Menschen die sich, wie ich, nicht gross bewegen können und den Tag sitzend in einem Rollstuhl verbringen, haben oft schneller kalt als Fussgänger. Nun hoffe ich, dass sich die Sonne in den nächsten Tagen gegen die Wolken durchsetzen vermag.
Trotz des ungemütlichen Wetters wollte ich auf mein erstes Einkaufen nach fast drei Monaten nicht verzichten. Natürlich durfte dabei der Mundschutz nicht fehlen. Wie vermutet waren die Einkaufstaschen nach dem Einkauf gut gefüllt. Nicht nur Lebensmittel, Haushalts- und Pflegeartikel mussten danach Zuhause verstaut werden, auch Blumen mussten eingepflanzt werden. Zudem musste für die Süsskartoffelpflanze ein geeignetes Plätzchen im Garten gefunden werden. Ich freue mich, bald wieder die Natur im Garten beobachten zu können.

11.​​​​​​​






Eine wunderschöne Reise 
liebe Pink Lady​​​​​​​







Menschen treten in unser Leben und begleiten uns eine Weile. Einige bleiben für immer, denn sie hinterlassen ihre Spuren in unseren Herzen.

​​​​​​​14. Gestern habe ich meine Dorfrunde schon mal erweitert. Da ich ohne Maske unterwegs sein wollte, wählte ich die Wege abseits der gängigen Routen. Ich habe mich ausgiebig den Natursteinmauern und den in den Mauerritzen wachsenden Pflanzen am Wegesrand gewidmet. Einige der Pflanzen sieht man nicht mehr so oft und ich freue mich, wenn ich ein Pflänzchen entdecke, dessen Existenz ich vergessen hatte. Ich habe so genossen, ganz allein Unterwegs zu sein. Heute wäre eine solche Runde auf Grund des Wetters nicht möglich gewesen. Die Kälte bekam ich schon am Freitag zu spüren. Mit meinem Mann, meinem Sohn und Hündin Elly sind wir dem Föhn entfliehend auf den Gotthardpass gefahren. Wir wollten dort zum Stausee wandern. Ich schaffte jedoch knappe 100 Meter und musste wegen der Kälte wieder zum Auto zurückkehren. Das kalte Wetter mit dem Nebel schwappte vom Tessin herkommend bis über den Pass. Obwohl es heute wärmer ist als die 5 Grad, die am Freitag auf dem Gotthardpass herrschten, habe ich heute auch im Haus kalt. Zu meinem Glück gibts die gute alte Wärmeflasche immer noch. Sie und der von mir gern getrunkene Lindenblütentee lassen mich das nasskalte Wetter leichter ertragen. Ich freue mich, wenn dann auch noch meine Nasenspitze warm ist. Warum muss sie auch immer zuvorderst stehen.

​​​​​​15. Manchmal frage ich mich schon, warum ich tagtäglich Stunden aufwende und so versuche, das Leben von Menschen mit Beeinträchtigungen zu verbessern oder sie durch ihre Krankheit zu begleiten. Manchmal möchte ich mich zurückziehen und andern die Arbeit überlassen. Ich möchte auf Reisen gehen, unseren wunderschönen, vielfältigen Planeten erkunden und kennenlernen. Einfach losfahren, ohne Ziel vor den Augen, frei sein wie ein Vogel.  Aber darauf muss ich wohl noch ein Jahr zwei warten und durchhalten. Solange Menschen ohne Beeinträchtigungen meinen, sie wüssten was das Beste für uns Menschen mit Beeinträchtigungen ist, werde ich nicht still sein. Solange noch so viele Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die wenig Ahnung haben, was der Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen abverlangt, kann ich nicht still sein. Schön wäre es schon, wenn ich mehr Menschen mit Beeinträchtigungen motivieren könnte, sich aktiv für unsere Lebensqualität einzusetzen oder uns solidarisch zu unterstützen. Ich wünschte mir, wir Menschen würden nicht nur die glänzenden Fassaden bewundern, sondern immer auch mal einen Blick hinter die Fassaden wagen. Dies alles hört sich etwas enttäuscht an, was ich wohl auch bin. Vielleicht bin ich auch einfach etwas traurig, weil ich vor ein paar Tagen eine aktive Unterstützerin und Kämpferin durch die Krankheit ALS verloren habe.

17. .... dann erreichen mich aus weiter Ferne Zeilen und ich weiss warum ich meine "Arbeit" tue. Vielen Dank nach Hamburg.
Ab Morgen soll ja auch das Wetter wieder freundlicher werden und so kann ich wieder in "meinen" Garten. Ich freue mich auf die Sonnenstrahlen.

18. Sonnenstrahlen, naja. Die Sonne hat sich ein paarmal schüchtern zwischen den Wolken gezeigt. Aber auch wenn immer wieder Regentropfen vom Himmel fielen, hielt es mich nicht davon ab, mit meiner Assistentin im Garten nach dem Rechten zu sehen. Das Gemüse, die Salate, die Früchte und Pflanzen wachsen kräftig und einiges kann geerntet werden. Der Fenchel zum Zmittag hat hervorragend geschmeckt und die Rhabarberwähe zum Zviere hat ebenfalls gemundet. Eigentlich geht es mir schon gut. Es ist nämlich gar nicht selbstverständlich, dass ich nach so vielen Jahren nach der Diagnose ALS, nach wie vor über den Mund essen kann. Wenn ich mich dann irgendwann mal mittels Peg-Sonde ernähren muss, hoffe ich, dass ich die guten Sachen vom Garten sondengerecht gemixt verabreicht bekomme. Also geniesse ich das Essen solange ich es kann.
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21. Heute findet der alljährlich am 21. Juni stattfindende Internationale ALS Gedenktag statt. An diesem Tag machen ALS Organisationen mit div. Events, Artikeln in den Medien usw. auf die Krankheit Amyotrophe Lateralsklerose aufmerksam. Gerne wird dieser Tag auch genutzt, um Spendengelder für die Unterstützung der von der Krankheit ALS betroffenen Menschen und ihren Angehörigen zu sammeln. Auf Grund der Corona-Situation konnten kaum Events geplant, geschweige denn, heute durchgeführt werden. Also neue Ideen mussten her. Da ich selber von dieser, noch immer nicht heilbaren Krankheit betroffen bin, hab auch ich mir Gedanken gemacht. So stellte ich gestern Nachmittag für unseren Verein ALS Community Schweiz kurzerhand folgendes Video zusammen. 

Wenn auch du ALS Community Schweiz bei der Unterstützung der von ALS betroffenen Menschen und Angehörigen helfen willst, so nimm einfach mit dem Verein Kontakt auf oder werde Mitglied.

26. Die Zeit, sie läuft und läuft und schon wieder ist eine Woche um. Am Montagmorgen war ich wieder bei meiner Neurologin in Basel. Dort erhielt ich wieder meine Botox-Injektion in den linken Unterarm. Diese Behandlung löst die Spastik in meinen Fingern. Zusammen mit Ergotherapie lassen sich meine Finger wieder besser öffnen. Schmerzende Kontrakturen und eine verkürzung der Sehnen kann dadurch verringert werden. Übrigens, die beiden Stiche tun nicht weh.
Nach der Behandlung machten mein Mann und ich noch einen Abstecher ins Jura. Natürlich mit dem Picknickkorb im Cabrio.
Bei dem schönen Wetter durfte eine Rollitour diese Woche auch nicht fehlen. Weit kam ich allerdings nicht. Die erste Pause legte ich beim Bauernhof von einem meiner vier Brüdern ein. Trotz Heuer-Stress lag ein Schwatz mit meinem Bruder, Schwägerin und ihren Söhnen drin. Als sich dann auch noch eine von meinen vier Schwestern zu uns gesellte, wurde der Schwatz ausgedehnt. Schliesslich haben wir uns in der vergangenen Coronazeit kaum gesehen. Bei meiner Weiterfahrt traf ich dann auch noch auf einen weiteren Neffen. 
Am Mittwoch dann, nahm ich mit zwei meiner Assistentinnen am ALS-Care-Training teil. Wie immer führte Bea Goldman mit ihrem enormen ALS-Fachwissen professionell durch das Thema Atmung. Ich habe die Care-Training Module bereits vor ca. 15 Jahren absolviert. Eine Auffrischung konnte also nicht schaden. Damit mich meine Assistentinnen im ALS-Alltag symtomgerecht unterstützen können, habe ich sie gleich für alle 8 Module angemeldet. Müde und an Wissen reicher beendeten wir das Training und machten uns auf den 70-minütigen Heimweg.
Mit den Terminen der Ergo- und Physiotherapie und den Verwandtenbesuchen im Spital, war diese Woche gut ausgefüllt.
Es reichte aber trotzdem, mich immer wieder in unserem Garten aufzuhalten. Heute sogar mit einem tierisch lieben Besuch. Warm hatten wir Beide.
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Und schon wieder muss ich von einem Mitglied aus
der ALS Familie Abschied nehmen.



Eine wunderschöne Reise liebe Anthea
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