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​D E Z E M B E R

1. Es war ein emotionaler Monat. Es war eine anstrengende Woche.
Auch wenn ich kräftemässig an meine Grenzen gestossen bin, so bin ich über mein Engagement, für andere Menschen da zu sein und für sie zu kämpfen, froh. Es gibt mir das Gefühl, trotz meinen vielen körperlichen, wie lautsprachlichen Beeinträchtigungen, etwas sinnvolles zu tun. 
Heute konnte ich zu mir sagen: Rita, dein Mantel mag einfach gestrickt sein und Geschehnisse in deinem Leben haben Spuren auf ihm hinterlassen. Durch viele gelebte Erfahrungen, ist dein Mantel inzwischen bunt und facettenreich geworden. Ausserdem wärmt und schützt er dein Herz, deine Seele. Trage deinen Mantel mit Stolz. Nur du passt hinein. Er gehört dir. Das bist du und das ist gut so.
Ja, wenn das so ist, brauche ich mir vorläufig keinen neuen Mantel zuzulegen. Der Alte erfüllt meine Ansprüche. 
Der Winter und die Weihnacht können kommen. Ich bin bereit.

2. Heute am 1. Advent brennt nicht nur die erste Kerze auf dem wunderschönen, von meiner Schwester Bernadette kreierten Adventsgesteck, auch die Aussendekoration haben wir heute, zum Einzug des Nikolaus, eingeschaltet. Jetzt fehlt im Tal nur noch der Schnee. Erst dann wird es richtig "heimelig". Der Anfang ist jedenfalls schon mal geglückt.

6. Eigendlich wollte ich wieder einen Tagebucheintrag machen. Nur, meine Finger zicken Heute so herum, dass ich nur mit viel Geduld, die ungewollten Doppel-, und Falschbuchstaben löschen kann. Die Augensteuerung bereitet mir noch Mühe, auf meiner Homepage zu navigieren. Ich habe Gestern, so auch heute Vormittag, so viel schriftlich kommuniziert, dass die Kraft in den Fingern fast aufgebraucht ist und Ruhe brauchen.
Also, bald könnt ihr wieder etwas von mir lesen.
23.00
Da heute der Samichläusabig / Abend des Nikolaus ist, will ich versuchen, trotz meinen noch immer kribbeligen Fingern, ein paar Sätze zum heutigen Tag zu schreiben.
Heute Morgen habe ich mich unbewusst für einen feuerroten Pullover entschieden. Mir ist erst ein Licht aufgegangen, als mich meine Assistentin nach einer Nikolausmütze fragte.
Bei der Pflege fragte sie dann, ob bei mir der Nikolaus auch vorbeikommen würde. Worauf ich erwiderte: Bin ich ein Kind? Sie: Nein aber… Pause. Ich: Bin ich alt? Sie: Nein aber … Pause. Ich: Nein ich bin auch nicht krank.
Später, als sie den Deckel auf die Tagescremetube schraubt und mich dabei betrachtet, meint sie zu mir: Siehst gleich fünf Jahre jünger aus. Ich, plitzschnell, fange an zu rechnen. Ich zu ihr: Dreh die Tube wieder auf und sag mir, bis zu welchem Kindesalter kommt nochmal der Nikolaus vorbei? Alt konnte ich mich ja jetzt nicht mehr machen.
Lachanfall auf beiden Seiten. Und wenn ich mal in Fahrt bin, ist der Transfer in den Rollstuhl schwierig. Meine Assistentin zu mir: Ich transferiere dich erst, wenn du aufgehört hast zu lachen. Einfach gesagt, schwierig zu befolgen. Schlussendlich schaffte ich es dann doch, böse Miene zum lustigen Spiel zu machen.

8. Ja, mein Lachen, es hat mich schon in unmögliche Situationen gebracht. So auch vor anderthalb Wochen bei einem Kinobesuch. Der gezeigte Film, handelt von Beziehungen / Liebesbeziehungen zwischen Menschen mit und ohne körperliche oder geistige Behinderung und wie das Umfeld darauf reagiert. Trotz aller Tragik kamen der schwarze Humor und die lustigen Szenen nicht zu kurz. Mitunter musste ich wieder so lachen, dass mir meine Physiotherapeutin, meine Begleitperson an diesem Abend, die herunterkullernden Tränen wegwischen musste. Auch eine Kollegin aus der Selbstvertretergruppe, welche sich mit ihrem Rollstuhl neben mich gestellt hat, hat mich mit ihrem Lachen angesteckt. Ich durfte eine Zeitlang nicht mal mehr in ihre Richtung schauen, sonst hätte ich mit dem Lachen gar nicht mehr aufhören können. Ich hatte mir auch schon einen Fluchtweg ausgesucht, konnte mich dann aber doch beruhigen. Nach der Vorstellung klopfte mir doch promt Jemand auf die Schulter und meinte; sie hätte mich schon Lachen gehört. Dabei hatte ich mich doch so zusammengerissen.
Ich liebe Komiker. Leider ist es mir nicht möglich, an ihren Vorstellungen teilzunehmen. Ich muss über manche Szenen so lachen, ich kriege mich kaum noch ein. Für mich nicht lustig, denn ich bekomme dann kaum noch Luft. Für die anderen Besucher nicht lustig, denn sie werden durch mich abgelenkt.
Also gibt’s bei mir die Komiker nur über TV und mit einer Person, die mit Taschentüchern in der Hand, neben mir sitzt.
Auch wenn mich Ereignisse im Leben traurig stimmen, so habe ich mein Lachen nie verloren. 

9. Gestern schwelgte ich in früheren Zeiten. An Zeiten, in denen ich an Wochenenden noch öfters im "Ausgang"
war. In Discotheken tanzte und Rock - Veranstaltungen besuchte. Die Musik von Jethro Tull habe ich aus dieser Zeit mitgenommen. Gestern Abend besuchte ich nun ihr Konzert zum 50. -jährigen Bestehen. Im Laufe der Jahre, gab es immer mal Wechsel bei den Bandmitgliedern. Ian Anderson, der Kopf der Band, steht aber nach wie vor wie eine Eins auf einem Bein. Das Konzert war der Hammer. Das Bühnenbild, die Videos die während der Show gezeigt wurden, waren sehr gut gemacht. Die Lichtshow, mal hell und grell, mal warm und bunt wie zur Zeit der Joints. Irgendwoher kam dann auch prompt ein Duft von Gras daher. Kurz mal eine Nase voll nehmen und die alten Zeiten sind wieder präsent. Das Durchschnittsalter der Konzertbesucher schätze ich mal auf 55 Jahre. Auch die zahlreichen rollstuhlfahrenden Konzertbesucher waren plus, minus in meinem Alter. Wir Rollstuhlfahrenden wurden an diesem Abend vorbildlich betreut. Kaum betraten wir das Foyer, kam auch schon eine Frau auf uns zu und stellte sich als Betreuerin der rollstuhlfahrenden Konzertbesucher vor. Sie hat uns alles gezeigt, wie Lift, Essen- und Getränkestände, Lift, Toiletten und begleite uns an den Sitzplatz. Während dem Konzert kam sie des Öftern vorbei, um zu fragen, ob alles gut sei, ob wir etwas benötigen. Ich glaube, ich war noch nie an einer Veranstaltung, wo so viel Wert, auf die optimale Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen gelegt wurde.
Kompliment an den Veranstalter, kompliment an Samsung Hall Zürich. Ich komme wieder, auch wenn ich beim Einlass, wie viele andere Besucher ebenfalls, gefilzt wurde. Ich bin jedoch froh, um die erhöhten Sicherheitsmassnahmen. Der nächste Konzertbesuch - Boss Hoss - ist schon gebucht.
Beim letzten Stück "Locomotive Breath" stand auch der letzte Konzertbesucher auf. Die Menge tobte und wir, die Rollstuhlfahrenden, standen ihnen in nichts nach. Während die grosse Masse die Beine bewegte, bewegten wir unsere Köpfe. Spastik vorprogrammiert. Doch das wars wert.
So hörte sich in etwa das gestrige Konzert von Jethro Tull mit "Locomotive Breth" an.

10. Wenn heute die Rede von Menschen mit Beeinträchtigungen ist, fallen oft Worte wie, Integration, Inklusion. Viele Fragen sich, wo der Unterschied liegt. Nun habe ich mal versucht, die Begriffe der Jahreszeit entsprechend, in Form eines Bildes zu erklären. Ich hoffe, es gelingt mir, ein wenig Aufklärung zu leisten.

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